Häsin tötet ihre Jungen

Warum fressen Häsinnen ihre Jungen?

Von Dipl.Päd. Marina Caldwell-Schäffer 

 

Immer wieder kommt es vor, dass Züchter oder Kaninchenbesitzer mit der Tatsache klarkommen müssen, dass an Stelle eines quirlig gefüllten Nestes, keine Jungen da bzw. nur mehr Teile davon übrig sind. Meistens wird der Fehler sofort bei der Häsin vermutet und sie wird als schlechte Mutter abgetan. Tatsächlich sollte der Züchter zuerst fragen, was der Grund dafür war. Eine Häsin frisst nicht aus heiterem Himmel ihren Nachwuchs. Ausnahmen bestätigen die Regel – siehe weiter unten. 

Im Vorfeld möchte ich aber darauf hinweisen, dass KEINE Häsin ihre Jungen aus Nestsäuberungsgründen oder aus Eigennutz zum Überleben (etliche Tage alte Junge) frisst. Sie frisst keine Totgeburten, sie räumt das Nest wegen toter Tiere nicht aus. Sie kennt keine Schuldgefühle.

 

Ich möchte folgend nun einige Gründe und Fehlinformationen dazu erläutern.

 

  1. Verstreuen der Jungen – erstgebärende Häsin

Es kommt immer wieder vor, dass erstgebärende Häsinnen ihre Jungen ganz oder teilweise fressen bzw. im Stall verstreuen. Fakt ist, dass die Häsin im Gegensatz zu uns Menschen keinerlei Vorsorgeuntersuchungen hat und auch nicht darüber aufgeklärt wird, was auf sie zukommt. Dass eine Häsin, gleich wie jede Mutter, starke Wehen während der Geburt empfindet und dadurch oft danach verstört ist, wird selten bedacht. Manche Tiere werden von den enormen Schmerzen so sehr überrascht, dass sie die Jungen im Stall verstreuen.

  1. Teilweises Fressen der Jungen bei erstgebärenden Häsinnen Grund A

Wie oben erwähnt, wurde die Häsin von niemandem aufgeklärt. Wir alle Weibchen (auch Menschen) reagiert sie und auch ihre Nachzucht instinktgetrieben. Sie versucht ihre Jungen sofort sauber zu lecken, sie abzunabeln und im Zuge der Nesthygiene die Nachgeburt zu fressen. Manchmal meint sie es aber zu gut und frisst gerade den Bauchbereich ihres neugeborenen Jungens an. Dieses Tier verendet unweigerlich. Manche Häsinnen kappen beim Putzen Ohren, Beinchen oder Blumen.

 

  1. Teilweises Fressen der Jungen bei erstgebärenden Häsinnen Grund B

Gebiert eine Häsin zum ersten Mal ist auch ihr Geburtskanal wie bei allen andere Säugern noch nicht ausgedehnt. Durch die vorgeburtlich vom Gehirn ausgeschütteten Hormone ist die Scheide sehr wohl bereits vergrößert und weich. Eine erstgebärende (für alle Säuger gleich) plagt sich vergleichsweise schwerer bei der Geburt als ein Mutter, welche die 10. oder 15. Geburt bereits erlebt. Bei Rindern kann man mithelfen und dehnen (auch andere Säuger der Milchgewinnung), bei Pferden heißt es abwarten und beim Menschen kommt der Dammschnitt gerne zum Einsatz. Kaninchen haben das nicht. Die enge Häsin muss als unter Umständen länger leiden und wird im Notfall, wenn sie sich nicht sicher ist, ob sie das überlebt, das erste zu gebärende Junge während der Geburt zerteilen, damit der Geburtskanal für die folgenden Tiere leichter wird und vor allem SIE, die Mutter, überlebt.

  1. Blaue oder rotverfärbte tote Babys bzw. Tiere mit Abschürfungen und dunklen Flecken (lebend)

In diesen Fällen hatte die Häsin eine Schwerstgeburt und hatte sehr starke Pressewehen und litt sehr während der Geburt. Die Verfärbungen sind Hämatome (Blutergüsse), Schürfungen kommen von den Krallen der verzweifelten Mutter. Verfärbte Köpfe bei toten Tieren deuten darauf hin, dass die Tiere lange steckten und einen schweren Sauerstoffmangel erlitten, an dem sie im Endeffekt verstarben.

  1. Zerfetzte Jungtiere (erfahrene Häsin) Grund A

Bei Kaninchen setzt der Unwissende voraus, dass alles immer gut geht und da das Kaninchen ein Beutetier ist, jede Geburt leicht verläuft. Fakt ist, dass oft Tiere in die Zucht kommen, welche nicht wirklich zuchttauglich sind, welche in jungem Alter Antibiotika bzw. andere Medikamente bekamen, welche von der Natur ausgemerzt würden. Diese Häsinnen können eigentlich nicht normal gebären und müssen, da sie KEINEN Kaiserschnitt bekommen können, ihre Jungen aus dem Geburtskanal herausfressen. Besonders häufig passiert das bei allen Zwergrassen, da die Köpfe der Jungen zu groß sind (im Vergleich zu andere Rassen).

 

  1. Zerfetzte Jungtiere (erfahrene Häsin) Grund B

Der Nachwuchs liegt quer, verdreht oder irgendwie nicht günstig vor dem Geburtskanal in einem der Uteri-Hörner. Er gleitet in die Scheide und steckt dort fest. Die Häsin presst das Tier so lange weiter, bis sie es erreichen und zerfressen kann. Beim Menschen ein klarer Fall für die Sectio.

 

  1. Zerfetzte Jungtiere (alle Häsinnen)

War der Rammler zu groß? War die Häsin zu alt? Ein Rammler kann das Vielfache einer Häsin wiegen und sie trotzdem decken. Bei einer alten Häsin, die viele Würfe hatte oder zumindest zwei, ist das weniger Sorgen bereitend als bei einer Maidenhäsin (jungfräuliche Häsin), da die Jungen nur ein Drittel dann schwerer sind, als der passende Nachwuchs von einem adequaten Rammler. Maidenhäsinnen verzweifeln. Als Mensch müsste man sich das vorstellen, als ob eine 1.55 große Frau ein Kind von einem 2.10 Mann bekäme, welches 6 kg schwer ist. Ist die Häsin innerhalb der ersten 18 Lebensmonate nicht gedeckt worden, sollte sie gar nicht mehr gedeckt werden, da die Schambeinfuge sich nicht mehr richtig dehnt. Die Häsin kann die Jungen niemals zur Welt bringen ohne sie zu zerstören beziehungsweise wird sie vermutlich ohnehin an der Geburt sterben, da die in ihr über kurz oder lang verendenden Ungeborenen eine Sepsis verursachen.

 

  1. Tote Junge (alle Häsinnen)

Viele Häsinnen haben stille und unbemerkte Infektionen während der Trächtigkeit. Die Jungen sterben in uteri oder kurz nach der Geburt (waneing kit syndrome). Vor allem Streptokokken Infektionen führen zu lebensschwachen Jungen. Sind die Jungen nur teilweise ausgepackt oder liegen zerknittert im Nest, so waren sie still geboren worden und haben nie geatmet. Vor allem bei Zuchten in denen die Rammler ein und aus gehen oder ein Rammler sehr viel fremd deckt, findet man häufig viele tote Würfe.

 

  1. Häsin tötet Junge nach der Geburt (scheinbar grundlos) a

Im Gegensatz zum Menschen besitzen Kaninchen keine Moralvorstellungen wie Schutz des Lebens, Treue etc. Eine Häsin erkennt meist, ob ihre Jungen geistig oder instinktmäßig behindert sind oder nicht. Das sofortige Töten bzw. aus dem Nest werfen von Jungen hat damit zu tun. Körperlich eingeschränkte Tiere werden von den Häsinnen einfach aufgezogen, während geistig behinderte, wie bei allen Tieren, von den Müttern verstoßen werden. Die Häsin weiß instinktiv, dass das Junge sich nie alleine durchbringen kann und damit die ganze Sippe gefährdet. Deshalb wirft sie das Junge immer wieder aus dem Nest oder tötet es.

 

  1. Häsin tötet nach der Geburt oder einige Tage danach b

Hierfür gibt es mehrere Gründe. Einer davon liegt beim Züchter, welcher mit nach anderen Kaninchen oder Fressfeinden (Hund! Katze, Frettchen, Ratte..) riechenden Händen die Jungen berührt hat. Eine sofortige Nestkontrolle ist immer wichtig, da tote Junge von der Häsin nicht entfernt werden. Die Häsin wird dazu entweder aus dem Stall genommen oder belassen. Wichtig sind sauber mit Wasser gewaschene Hände (keine Desinfektionsmittel oder Seife, denn das irritiert die Häsin genauso) mit welchen man sehr energisch das Fell der Mutter rubbelt, bevor man die Jungen zählt.

  1. Ein Rammler wohnt im selben Käfig oder direkt in Riechnähe zur Häsin. Die Häsin wird über das Nest urinieren und im Notfall die Jungen töten.

  2. Eine ranghöhere Häsin ist im selben Stall, Freigehege oder in direkter Riechnähe. Die rangniedrige Häsin weiß, dass sie kein Recht auf Nachwuchs hatte und tötet ihre Jungen bzw. werden sie von der Matriachin umgebracht, welche nur ihre Jungen duldet.

 

  1. Charakterschwäche

Es gibt Häsinnen, die versagen als Mütter. Das muss nicht zerredet und ewig hinterfragt werden, sondern soll als gegeben angenommen werden. Wie bei allen Tieren (leider am häufigsten beim Menschen) versagen manche Mütter in ihrer ureigensten Eigenschaft und töten ihre Kinder. Diese Häsinnen töten ohne einen ersichtlichen Grund einige Tage nach der Geburt bis hin zum fast adulten Tier plötzlich ihre Jungen. 

 

  1. Eigener Überlebenstrieb

Natürlich kann es vorkommen, dass eine Häsin in einem dermaßen schlechten Gesundheitszustand (Mangel an verschiedenen Mineralien, Überfütterung…) gebären muss. Instinktiv wird sie ihren Nachwuchs fressen, um ihre Defizite wieder zu stärken. Besonders häufig kommt das bei Magnesiummangel vor.

 

Diese Liste könnte noch lange weitergeführt werden. Aber diese ersten elf Punkte plus Unterpunkte sollen dem Kaninchenzüchter bereits ein wenig Klarheit in die Komplexität der Geburtskomplikationen beim Hauskaninchen bringen.

 

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